Prolog

Es war ein lauer Sommermorgen. Jade stand auf der Wiese und ließ ihre Füße vom kühlen Morgentau des Grases umspielen. Vor ihr lagen weite grüne Wiesen und dahinter eine gewaltige Berglandschaft. Das goldene Licht der langsam aufgehenden Sonne tauchte alles in ein honigfarbenes Lichterspiel, was sie zu einem hingerissenen Seufzer veranlasste. Alles vor ihr wirkte so friedlich und ruhig. Und diese Stille hätte ihrer Meinung nach ewig gehen können. Hierbei lag die Betonung auf "können". "Jade!" Ade, idyllischer Blick… Seufzend drehte sie sich um. Ein Junge in ihrem Alter mit zerzaustem blonden Haar und leicht zerfetzten Farmerklamotten kam über die Hügel auf sie zugerannt. "Hier bist du ja!" rief er und klang dabei erleichtert. Keuchend blieb er bei ihr stehn und versuchte, während er wieder zu Atem kam, sie anzugrinsen. Der Sauerstoffmangel verwehrte ihm dies gründlich. "Aunt Kirstie hat gesagt, dass du packen sollst, bevor wir frühstücken. Und dass du dich beeilen sollst." Er hatte den Satz schnell beendet, da ein Hustenanfall ihn übermannte. Jade schüttelte pragmatisch den Kopf und klopfte ihrem Zwillingsbruder Jordan auf den Rücken. "Kopf in den Nacken!" ermahnte sie ihn und half ihm, sich in eine aufrechte Position zu begeben. Wie befohlen gehorchte er und schon bald war ein kräftiger, röhrender Hustenlaut zu hören. "Frosch draussen, Problem gelöst. Und nun gib mir bitte noch ein paar Minuten." Sie wendete sich wieder dem Sonnenaufgang zu klopfte dabei noch etwas versonnen auf dem Rücken ihres Bruders herum. "Aber Jade," quengelte dieser, "Je später du packst, desto später frühstücken wir und ich will nicht solang auf Granny‘s Spiegeleier mit Speck verzichten!" Er versuchte es mit seinem besten Dackelblick. Oh je, wenn er etwas konnte, dann das. Jade stand im Wiederspruch. Einerseits wollte sie ein letztes Mal die aufgehende Sonne von Schottland betrachten. Andererseits waren da die bettelnden Augen ihres Bruders. Jade wurde weich. "Na gut..." seufzte sie und warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick in das Sonnenlicht. Sie waren nun für 4 Wochen auf dem Bauernhof ihres Onkels gewesen, also fast die ganzen Sommerferien. Nun war es Zeit nach Amerika zurückzukehren. Auf dem hinweg spielten sich in Jades Kopf verschiedene Szenarien ab, wie sie sich wohl verstecken könnte, wie sie den Flieger verpasste, wie der Flughafen in die Luft ging... Gott, sie sollte packen gehen. Das letzte Mal stand sie vor dem großen, antiken Spiegel, der sich als einziges der wenigen Möbelstücke im Gästezimmer befand. Der Messingbelag vom Rahmen blätterte schon ab und unzählige Schlieren und schwarze Flecken bezeugten das Alter. Sie hatte ihre Tante Kirstie darum gebeten, dass sie das alte Ding mal austauschte, aber das war wohl nichts. Ihre Tante fand dieses Urrelikt nämlich "chic". Seufzend betrachtete sie sich. Ihr hageres Gesicht war umrandet von weizenblondem Haar, dass leicht strohig bis zur ihrer Hüfte hinunterhing. Die prahlende Sonne während der harten Arbeit auf dem Bauernhof hatte ihr Haar gebleicht und zu einem Heuhaufen gemacht, doch es war ihr egal. Die Ferien hatten sich allemal gelohnt, auch wenn die Arbeit auf einem Bauernhof sehr anstrengend war. Sie würde das vermissen. "Jade-Schätzchen, bist du schon fertig? Komm doch noch nach unten, damit du dich von Granny und Uncle verabschieden kannst!" rief ihre Tante ihr zu. Sollte sie doch in Erwägung ziehen den Flughafen zu sprengen? Schnell verband sie sich ihren Strohballen auf dem Kopf zu einem einigermasen ordentlichen Zopf und sauste die Treppe des Hauses runter. Die Stufen knarzten dabei so schön, ein Geräusch, in das sich Jade hätte verlieben können. Unten standen bereits ihr Onkel Stuart und ihre Granny Donella, welche sich ein paar Tränchen aus ihrem Auge drückte. Die alte Dame hatte bereits 87 Jahre auf dem Buckel, war aber immer noch eine robuste alte Frau, die liebend gern über ihre Kindheit auf dem Bauernhof ihres Vaters schwatzte. Tröstend legte Jade ihre dürren Arme um sie und drückte die alte Dame an sich. Sie hatte schon als kleines Kind einen Narren an ihrer Granny gefressen. "Schon gut, Granny Don" meinte sie tröstend und drückte ihr einen Kuss auf die alte, runzelige Wange. "Lass dich drücken, meine Kleine!", meinte ihr Onkel lächelnd, "ich hoffe, du kommst uns bald wieder besuchen!" Damit presste er sein dünnes Gestell von Nichte an sich und drückte sie herzhaft. Jade war froh, wieder atmen zu können als er sie losließ. "Keine... huff... Sorge, Onkel", meinte sie und grinste ihn wacker an, "wir kommen wieder, definitiv!" Ihr Onkel nickte gerührt. Dann wies er sie an, ins Auto zu steigen, während er die Koffer von oben holte. Wenig später war alles verstaut und die beiden Kinder saßen im Taxi. Ein letztes Mal winkten sie den Geschwistern ihrer Mutter zu, bevor das Taxi langsam Richtung Flughafen davontuckerte.

8.7.09 12:05

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